Genosse Franz Schuhmacher

Der Granseer Gewerkschafts- und SPD-Funktionär Franz Schuhmacher – ein Nachruf zum 110. Geburtstag

Teil I

Franz Schuhmacher wurde im mecklenburg-strelitzschen Gramzow, einem nahe an der Grenze zu Preußen gelegenen und zum adligen Gut Dannenwalde gehörenden Vorwerk, am 13. Oktober 1900 geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, denn seine Eltern waren Gutsarbeiter. Franz besuchte die Dannenwalder Dorfschule. Er war ein zielstrebiger und lernwilliger Schüler. Auf Grund seines guten Zeugnisses bekam er eine Lehrstelle in der Granseer Landmaschinenfabrik Paul Dechert, gelegen an der Ecke Mühlenstraße-Bahnhofstraße, und nahm in diesem Betrieb im April 1914 eine vierjährige Ausbildung zum Maschinenschlosser und Elektroinstallateur auf. Der Firmeninhaber Paul Dechert starb 1917. Dessen Sohn konnte das Erbe nicht antreten und den Betrieb nicht weiterführen, da er zu dieser Zeit als Soldat im 1. Weltkrieg weilte. Franz Schuhmacher konnte gerade noch seine Lehre zu Ende führen. Nach bestandener Gesellenprüfung wurde er sofort nach Berlin zum Arbeitsdienst verpflichtet und war in der Rüstungsfabrik Schwarzkopf tätig. Dort kam er erstmals in Kontakt mit der Gewerkschaftsbewegung und den Sozialdemokraten. Doch bevor er der Partei beizutreten vermochte, erreichte ihn die Einberufung zum Militärdienst. Nach der Grundausbildung in der damaligen Festung Küstrin erlebte er, ohne zum Fronteinsatz abkommandiert zu werden, die Novemberrevolution als Mitglied der Bahnhofswache in Danzig (heute Gdansk). Im Februar 1919 kehrte er ins Zivilleben zurück und fand zunächst Arbeit als Dreher bei einem Handwerksmeister in Ravensbrück. Als die Landmaschinenfabrik Dechert in Gransee nach dem 1. Weltkrieg ihren Betrieb wieder aufnahm und ihm in seinem einstigen Ausbildungs-betrieb eine Arbeitsstelle angeboten wurde, kehrte er ohne zu zögern wieder nach Gransee zurück. Er befreundete sich mit seinem Arbeits-kollegen Ernst Kemmin, gründete mit ihm 1920 die Zelle des „Deutschen Metallarbeiter-Verbandes“ sowie wenige Jahre danach den hiesigen Ortsverein der SPD. 1922 heiratete Franz Schuhmacher Gertrud Wieder, die Tochter des Arbeiters Albert Wieder aus dem Granseer Ortsteil Ziegelscheune. Aus der Ehe gingen drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, hervor. 1924 erwarb Franz Schuhmacher das Mandat als SPD-Stadtverordneter, das er mit unermüdlichem Engagement über acht Jahre ausübte, ehe die Hitlerdiktatur die Weimarer Republik zu Fall brachte und alle demokratischen Rechte beseitigte. Der Landmaschinen-betrieb Dechert musste Insolvenz anmelden. Da sich der Nachfolger nur noch auf Reparaturarbeiten beschränkte und einen Großteil der Arbeiter entließ, begann Franz Schuhmacher 1927 als Installateur im Elektrizitätswerk Gransee zu arbeiten. Während des Naziregimes stand er, wie alle SPD-Genossen, unter ständiger Beobachtung. Im Juni 1933 entging er nur deshalb einer Verhaftung, weil ihn der Leiter des Elektrizitätswerkes, ein gewisser Herr Sachse, dringend für unumgängliche Reparatur- und Montagearbeiten zur Sicherung der städtischen Stromversorgung benötigte und den Gestapo-Leuten zu verstehen gab, dass sie, wenn sie Franz Schuhmacher festnähmen, den Zusammenbruch der Stromversorgung in Gransee zu verantworten hätten. 1944 wurde er nach dem Hitler-Attentat durch Stauffenberg Ende Juli gemeinsam mit Ernst Kemmin über das Gestapo-Gefängnis Neuruppin in das Außenlager des KZ Sachsenhausen nach Falkensee verschleppt. Beide überstanden die Haftzeit und kehrten nach Gransee, das vor der Zerstörung bewahrt geblieben war, zurück. Wie schon vor und während der nationalsozialistischen Diktatur engagierten sich beide politisch und erweckten die SPD in Gransee zu neuem Leben.

Teil II

Nach dem 2. Weltkrieg wurde Franz Schuhmacher durch den damaligen Standortkommandanten der Roten Armee zum Stadtbürgermeister in Gransee berufen. Dies, so schilderte er selbst die Situation im Gespräch mit Gerhard Thiede, kam für ihn plötzlich und unerwartet. Mitte Mai 1945, so protokollierte Thiede, sei Franz Schuhmacher unvermittelt zur Kommandantur berufen worden. Dort teilte ihm Major Mogelin, der Adjudant des Stadtkommandanten Ignatew, mit, dass die Absicht bestünde, ihn zum Bürgermeister zu ernennen. Schuhmacher war verblüfft und hatte etwas ganz Anderes erwartet, als er von zwei russischen Soldaten mit Maschinenpistole aus der Wohnung abgeholt wurde. Ungläubig habe er den Offizier angeschaut. Er sagte, das könne er nicht und sei nicht dazu befähigt. Er sei zwar vor 1933 schon SPD-Abgeordneter in der Stadtverordnetenversammlung gewesen, aber von den Aufgaben eines Bürgermeisters habe er keine Ahnung, denn schließlich wäre er doch Schlosser und Elektriker und kein „Büromensch“. Laut Überlieferung Franz Schuhmachers lächelte der Major und sagte, er selbst habe früher auch Schafe gehütet und niemals daran gedacht Offizier der Roten Armee und nun sogar Verwaltungsbeauftragter in Deutschland zu werden. Aber er habe es gelernt und lerne von Tag zu Tag dazu. Und sie, so soll der Major gesagt haben, werden genauso lernen, wenn sie Bürgermeister sind. Es halfen also weder Einwände noch Ausreden. Nachdem der auf seinem Posten verbliebene „Stadtbote“ Franz Rund als „Ausrufer“ mit seiner großen Stielglocke die Einwohner am 28. Mai 1945 auf dem Kirchplatz zusammengeklingelt hatte, wurde Franz Schuhmacher als Stadtbürgermeister vorgestellt. Anlässlich seiner offiziellen Amtseinführung sprach er zu „seinen“ Granseer Mitbürgern. In den sachlich-nüchternen und verständlichen Worten spiegelt sich die Bescheidenheit Franz Schuhmachers wieder, dem jedes Gestikulieren und phrasenhafte Gerede zuwider war und der sich eher ein Mann der Tat als vieler Worte sah.

Teil III

Der schriftliche Entwurf der von ihm verfassten Ansprache hatte folgenden Inhalt:
„Liebe Mitbürger!- An dem heutigen Tage hat mich der Ortskommandant der Roten Armee als Bürgermeister eingesetzt. Ich bitte die Bevölkerung, mir Vertrauen zu schenken und allen meinen Anforderungen Folge zu leisten. Der Bürgermeister soll ein Angehöriger der hiesigen Bevölkerung sein. Ich selber bin ein alter Granseer, wohne 31 Jahre hier und bin auch daher nicht unbekannt. Der Faschismus ist vernichtet, aber das deutsche Volk besteht weiter. Wir müssen wieder aufbauen, was die Faschisten vernichtet haben. Die gesamte Landwirtschaft und Industrie muss wieder in Gang gebracht werden, die unbebauten Felder sind schnellstens zu bebauen, so dass die Ernährung gesichert ist. Ich werde meine ganze Kraft einsetzen zum Wohle der Stadt.“ (Quelle: Abschrift des handgeschriebenen Manuskripts Franz Schuhmachers, im Wortlaut durch dessen Unterschrift per 23.04.1975 bestätigt, enthalten in der Dokumentensammlung des Oberlehrers Gerhard Thiede, die sich jetzt im Besitz des Verfassers Carsten Dräger befindet)
Franz Schuhmacher erwarb sich in nur zehnmonatiger Amtstätigkeit vor allem Verdienste bei der Normalisierung der Lebensverhältnisse in der Stadt, zuvorderst bei der Reaktivierung der zerrütteten Wirtschaft und Versorgung. Dabei erwies sich das gute Verhältnis zur örtlichen Kommandantur als äußerst vorteilhaft. Durch seine ruhige, verständnisvolle Art gewann er zudem schnell das Vertrauen der Einwohner. Maßgeblich beteiligt war der Sozialdemokrat Schuhmacher an der Neugründung der Ortsgruppe der SPD und an der Konsolidierung der Ortsgruppe des „Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes“ (FdGB). Aus gesundheitlichen und privaten Gründen bat er im März 1946 um seine Ablösung als Bürgermeister, arbeitete aber bis zum Eintritt des Rentenalters weiter im Elektrizitätswerk. (Fortsetzung folgt)

Teil IV

Franz Schuhmacher sah sich in seiner Dienstzeit als Granseer Stadtbürgermeister einer Flut von Problemen gegenüber. Es stellte sich permanent die Frage: Womit fangen wir an? Eine Prioritätensetzung war unabdingbar. An erster Stelle stand die Normalisierung des öffentlichen Lebens, vor allem die Sicherung der Grundversorgung mit Nahrungs-mitteln. Die „Einwohnerzahl“ hatte sich durch die Flüchtlinge auf das 1 ½fache vermehrt. Zunächst im Schulgebäude am Buchholzer Weg, dann im ehemaligen Arbeitsdienstlager oder in den Trockenschuppen des Ziegelwerkes hatten Ausgebombte und „Umsiedler“ notdürftig ein Obdach gefunden. Die zum Teil seit Monaten vagabundierenden, halb verhungerten Menschen waren am Ende ihrer physischen und psychischen Kräfte. Die hygienischen Zustände in den Notunterkünften spotteten jeder Beschreibung. Infektionskrankheiten breiteten sich aus. Dieses Problem bekam die Granseer Stadtverwaltung gemeinsam mit der SMAD von Monat zu Monat besser in den Griff. Zu den ersten Maßnahmen gehörte die Anordnung, dass alle Bäckereien, Fleischereien und sonstige Lebensmittelgeschäfte sofort wieder zu öffnen seien. Die Lebensmittelzuteilung erfolgte im Rahmen der vorhandenen Mengen auf noch vorhandenen „Haushaltungskarten“ nach bisherigen (gestaffelten) Sätzen und zu gleichen Preisen (Einheitspreise). Ab Oktober 1945 gab es dann die Belieferung nach einheitlichen Sätzen. Diese Bestimmung war keineswegs eine allgemeingültige Festlegung für die gesamte Sowjetische Besatzungszone (SBZ). Sie war auf die kampflose Übergabe der Stadt Gransee zurück zu führen, denn Orte, in denen bis „5 Minuten nach 12“ erbittert gekämpft worden war oder wo verblendete Fanatiker noch nach der offiziellen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht als Heckenschützen in Erscheinung traten (z. B. Prenzlau, Anklam) erhielten diese begünstigte Lebensmittelversorgung eben so wenig, wie solche, in denen die deutschen Verwaltungsbehörden, insbesondere der Bürgermeister, nicht mit der örtlichen Kommandantur kooperierten. Deren Bewohner mussten mitunter mehrere Monate warten, bis eine Regelung der Lebensmittel-versorgung erfolgte. Auf dem Gebiet des Handels begann die „Demokratisierung“ mit der Neugründung der Konsumgenossenschaft in Gransee. Im Dezember 1945 eröffneten ihre ersten Geschäfte in der Stadt.

Teil V

Dem Bürgermeister Franz Schuhmacher (SPD) oblag es auch, für Ordnung und Sicherheit in der Stadt zu sorgen. In der Zeit der Nachkriegswirren und der noch allseits anzutreffenden Not blieb es selbstverständlich nicht aus, dass sich der Eine oder Andere persönlich zu bereichern bzw. persönliche Vorteile zu erhaschen versuchte. Es kam zu Diebstählen in verlassenen Wohnungen, geschlossenen Läden und Lagerräumen. Das Diebesgut sollte entweder dem Eigenbedarf dienen oder wurde bandenmäßig verschoben bzw. auf dem Schwarzmarkt verschachert. Um den kriminellen Machenschaften das Handwerk zu legen, entstand zunächst spontan, aber alsbald durch einen Befehl des Kommandanten in Kraft gesetzt, eine „Ortspolizei“, geleitet vom Genossen Glißmann, der ehedem die Sprengung des Granseer Rathauses verhinderte. Der Bürgermeister Franz Schuhmacher ordnete zudem die Durchsetzung und Einhaltung des Kommandantenbefehls an, nach dem alle Wohnhäuser bei Tag und Nacht verschlossen zu halten waren. Zutritt durfte nur Verwandten oder guten Bekannten der Familie oder Beauftragten der Kommandantur, die einen gesonderten Ausweis besaßen, gewährt werden. Wichtige Betriebe, Lager und Einrichtungen erhielten ständige Wachen, so unter anderem Mühlen, Getreidelager, das Wasserwerk, das Elektrizitätswerk, die Stadtsparkasse und die Genossenschaftsbank.

Teil VI

Ein Monat besonders wichtiger Ereignisse während Franz Schuhmachers Amtszeit als Stadtbürgermeister war der September 1945. Zunächst begann wieder der Eisenbahnverkehr der „Nordbahn“. Industriebetriebe wie das Ziegeleiwerk, das Vulkanisierwerk, die Stärke- und die Konservenfabrik sowie diverse Handwerksbetriebe konnten nun wieder beliefert und gefertigte Waren und Güter mit der Bahn transportiert werden. Sprengungen durch die SS hatten die Nordbahnstrecke zuvor unpassierbar gemacht. Auch die Landwirtschaft, die unverändert ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor Gransees war, konnte nun wieder mit Kunstdüngern, Saatgut und Ersatzteilen für Landmaschinen versorgt werden. Ein weiterer wichtiger Faktor war die Wiederherstellung und Sicherstellung der Stromversorgung, die in den letzten Kriegswochen völlig zusammengebrochen war. Hier sah sich Franz Schuhmacher in seinem Element, war er doch von Hause aus Elektriker und kannte die technischen Gegebenheiten in Gransee wie kaum ein anderer. Wenn es auch noch über Jahre hinweg Sperrstunden oder Unterbrechungen gab, konnte die Lieferung zunehmend stabilisiert werden. Hierbei leistete das alte städtische Elektrizitätswerk wertvolle Dienste, da die Strom-versorgung per Überlandleitungen noch längst nicht störungsfrei war. Das Elektrizitätswerk war ja der eigentliche Arbeitsplatz des Bürgermeisters Franz Schuhmacher gewesen, hier kannte er sich aus wie in seiner eigenen Westentasche. Es war sozusagen sein Wohnzimmer. Schon wenige Wochen nach Kriegsende war auf Anordnung der Stadt-kommandantur das alte Elektrizitätswerk von 1899/1900 reaktiviert und wieder in Betrieb genommen, um zumindest für wenige Stunden die Maschinen im Lebensmittelgewerbe (Bäckerei/Fleischerei) laufen lassen zu können. Als auch die Versorgung mit Fernstrom wieder funktionierte, nahm auch das Wasserwerk an der Großwoltersdorfer Chaussee wieder seinen Betrieb auf. Das hatte große Bedeutung für die Sicherstellung der ausreichenden Trinkwasserversorgung und für den Gesundheitszustand der Bevölkerung, weil die wegen des Versiegens des Wasserleitungs-netzes provisorisch in Gebrauch genommenen Straßenbrunnen fast alle mit Koli- oder anderen Bakterien verseucht waren. Der Schulunterricht begann, nach etwas mehr als einem Jahr kriegsbedingter Unterbrechung, auf der Grundlage des Befehls Nr. 40 der SMAD (Sowjetische Militär-administration in Deutschland) offiziell am 1. Oktober 1945. Nachdem einige Kinder schon zuvor von hiesigen Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet worden waren, setzte nun der regelmäßige Schulbetrieb wieder ein. Als Schulleiter fungierte zunächst der ehedem von den Nationalsozialisten aus dem Amt gejagte, inzwischen schon im fortgeschrittenen Alter befindliche Rektor Ernst Wolf, der von Franz Schuhmacher an diesem 1. Oktober feierlich ernannt wurde. Ernst Wolf war wie Franz Schuhmacher ein Sozialdemokrat, der während des Krieges als „Ausgebombter“ von Berlin nach Gransee kam.Ihm zur Seite standen einige der älteren Kolleginnen/Kollegen, die nicht der NSDAP angehört hatten. Hinzu kamen eine Reihe junger, unausgebildeter oder nur sehr mangelhaft ausgebildeter „Neulehrer“. Der Neubeginn gestaltete sich auch im Schulwesen alles andere als leicht. Es fehlte an Lehrplänen, Lehrbüchern, Lehrmitteln, Heften, Wandtafeln, Kreide. Aber allen Widerständen zum Trotz gelang der Neubeginn. Rektor Wolf wurde 1948 in den Ruhestand versetzt. Sein Nachfolger als Schulleiter wurde der spätere Kreisschulrat Willi Brettschneider. (Fortsetzung folgt)

Diplom-Historiker
Carsten Dräger
OV Gransee-Fürstenberg

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